Interview mit Nina Gutknecht, veröffentlicht im Sidespin 28/08/2025

Text: Raouf Morsi / Fotos: Nina Gutknecht

Seit mehreren Jahren setzt sich Nina Gutknecht dafür ein, Mädchen im Tischtennis mehr Raum zu geben. Als Spielerin und Nachwuchsverantwortliche beim TTC Uster beobachtet sie aufmerksam die Entwicklungen, Fortschritte, aber auch die Hindernisse, die für das Frauentischtennis in der Schweiz nach wie vor bestehen. Sidespin hat sich mit ihr unterhalten, um ihr Engagement und ihre Vision für die Zukunft unseres Sports für Mädchen zu verstehen.

Hallo Nina ! 2017 hast du deine Maturaarbeit dem Mangel an Mädchen im Tischtennis gewidmet. Wie siehst du die Entwicklung des Frauentischtennis beim TTC Uster oder allgemein in der Schweiz in den letzten Jahren?
Als ich 2017 meine Arbeit geschrieben habe, hätte ich tatsächlich überhaupt nicht gedacht, dass mich das Thema Mädchentischtennis später noch so lange und so intensiv beschäftigen wird,
Es hat mich damals gestört, dass es nur so wenige Mädchen in meinem Alter gab und ich konnte nicht verstehen, wieso Tischtennis bei Mädchen nicht beliebter ist. Ich hatte zwar geplant, im Sinne eines praktischen Teils meiner Arbeit auch eine Mädchentrainingsgruppe in unserem Verein zu gründen, hätte aber nie gedacht, dass daraus dann auch noch Girls-Ping entsteht. Beim TTC Uster hat sich seither sehr viel im Bereich des Frauentischtennis getan. Wir hatten damals, soweit ich weiss, gerade gar keine jüngeren Mädchen im Verein und heute hätten wir, wenn alle gleichzeitig im Training wären, 17. Davon haben nicht alle bei uns im Verein mit Tischtennis begonnen und es haben auch nicht alle die gleichen Ambitionen, aber viele davon sind nun schon einige Jahre dabei und das freut mich natürlich sehr.
Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren sehr viel passiert ist bezüglich Frauentischtennis in der Schweiz. Es gab immer wieder Projekte von Vereinen oder Verbänden (bsp. AGTT), die ebenfalls Mädchengruppen oder regelmässige Zusammenzüge gegründet oder organisiert haben und auch vom Verband her wird aus meiner Sicht deutlich mehr Wert auf das Frauentischtennis gelegt als noch vor einigen Jahren. Aktuell erhält das Frauentischtennis durch die Wu- und Hu-Geschwister sicher auch im Bereich Leistungssport zusätzlich mehr Aufmerksamkeit. Ich finde aber auch dass im Breitensport einiges gegangen ist.

Eines der konkreten Projekte, die aus dieser Arbeit hervorgegangen sind, ist Girls Ping, dass du jedes Jahr organisierst, um Mädchen für ein Wochenende am Tisch zusammenzubringen. Beobachtest du dort Dynamiken oder Verhaltensweisen, die man im Club nicht unbedingt findet?
Da wir das grosse Glück haben, eine relativ grosse reine Mädchentrainingsgruppe in Uster zu haben, kann ich diese Frage vielleicht nicht gänzlich beantworten. Ich habe zu wenig Einblick in die Dynamiken in Vereinen mit weniger Mädchen.
Für viele Mädchen ist das alljährliche Girls-Ping Weekend die grosse Gelegenheit für einmal nur mit Mädchen zu trainieren. Es gibt natürlich einige Vereine in der Schweiz, die mehrere Mädchen oder sogar eine reine Mädchengruppe haben, aber das ist immer noch eher die Minderheit. Viele der « Girls-Ping Mädchen» kommen aus kleineren Vereinen und sind dort höchstens zu zweit oder zu dritt. Es ist für sie also etwas Aussergewöhnliches ihren Sport für einmal auch mit anderen Mädchen zusammen zu machen und nicht nur mit Jungs. Allgemein beobachten wir, dass die Stimmung an den Weekends immer sehr harmonisch ist. Die grösseren Mädchen kümmern sich um die Jüngeren und die Jüngeren sind stolz, wenn sie bei den Grossen mitspielen dürfen. Letztes Mal haben beispielsweise alle zusammen «Werwölfe» gespielt und dies ohne, dass wir es initiiert haben. Klar gibt es auch manchmal einzelne kleine Gruppen, die sich etwas separieren und lieber unter sich sind, aber im Grossen und Ganzen durchmischt es sich wirklich immer sehr gut.
Schön ist natürlich, wenn auch Mädchen aus der Westschweiz dabei sind. Ich habe letztes Mal sehr gestaunt, wie gut sich auch die Westschweizerinnen integriert haben und wie bemüht alle waren, sich gegenseitig zu verstehen. Mit Händen, Füssen, bisschen Französisch, bisschen Deutsch und einigem Englisch klappt das oft wirklich gut.

Werden Mädchen auf die gleiche Weise trainiert wie Jungen? Siehst du Notwendigkeit für Anpassungen im Training?
Persönlich würde ich schon sagen, dass Mädchen (v.a auf Breitensportstufe) sich ein wenig anderes Training wünschen als Jungs. Bei den Mädchen steht der soziale Kontakt vor allem zu Beginn noch mehr im Fokus als bei den Jungs, die relativ schnell grosse Freude daran haben, «einfach Tischtennis zu spielen», sich zu bewegen und gegeneinander zu messen. Die Mädchen freuen sich im Allgemeinen eher über Teamwettkämpfe, Aufgaben, die man miteinander schaffen muss, sich bewegen oder spielen zu Musik, auch mal weg vom Tisch zu gehen und im koordinativen Bereich zu arbeiten. Eines der Trainings auf das ich am meisten Feedback von den Mädels bekommen habe, war, als wir mal nach dem Einwärmen 20 Minuten Ringturnen gemacht haben, um das Thema Körperspannung einzubauen. Ich weiss nicht, wie viele Jungs diesen Teil des Trainings auch so toll gefunden hätten. 😉
Oder ein anderes Beispiel: wir haben einige Jungs im Verein, die immer nach dem Training freiwillig gegeneinander einen Match spielen und sich dort unbedingt besiegen wollen. Die wenigsten meiner Mädchen würden dies freiwillig gegen ihre Trainingskolleginnen machen, denn «es könnte ja sein, dass die Andere nachher sauer ist.»
Mir ist bewusst, dass dies nun etwas allgemein gesagt ist und es natürlich auch viele Mädchen gibt, die sehr gerne Matches spielen und sich mit anderen messen wollen. Im Training finden aber Teamwettkämpfe oder Challenges, bei denen man zu einem gewissen Teil zusammenarbeiten und dann erst alleine etwas schaffen muss, eher mehr Anklang.
Was auch sehr beliebt ist, ist die Arbeit mit Zielen. Im letzten halben Jahr durften die Mädchen immer vor dem Training ein Tier auswählen, dessen Eigenschaften sie heute besonders zeigen wollen. (Löwe – kämpferisch, mutig, Giraffe – gute Spielübersicht, gutes beobachten, Äffchen – lockere und leichtfüssige Beine, usw.) Wenn sie dies gut umgesetzt haben, konnten sie Stempel sammeln und sich bei 10 Stempeln etwas wünschen. Aktuell sammeln sie gerade ähnlich dem Häuserwettkampf in Harry Potter Punkte (bsp. für besonders guten Einsatz, tollen Teamgeist, gutes Umsetzen von Feedback, usw.) für ihre Gruppe und versuchen so, den Gruppenpokal zu gewinnen. Solche Dinge erfreuen sich meist grosser Beliebtheit. Hier glaube ich aber, dass man diese oder ähnliche «Projekte» sehr gut auch mit Jungs machen könnte.

2025 Frauentischtennis Bild2

Michelle und Emily Wu spielen beim TTC Uster. Ist ihr Erfolg deiner Meinung nach ein Zeichen für einen tieferen Wandel in der Art und Weise, wie Mädchen in der Schweiz trainiert werden?
Hmmm schwierige Frage. Ich würde sagen eher nein. Ich glaube mehr, dass Emily und Michelle (und bsp. auch die Hu-Schwestern) sich einfach viel höhere Ziele gesetzt haben, als dies in den letzten Jahren bei den allermeisten Schweizer Tischtennismädchen der Fall war. Beziehungsweise haben sie sich vielleicht nicht viel höhere Ziele gesetzt, sondern sie sind auch tatsächlich bereit, bereits in ihrem jungen Alter, alles dafür zu geben, diese hohen Ziele zu erreichen. Vermutlich ist es da auch gerade eine gute Begebenheit, dass beide Familien in etwa gleich alt sind und der gegenseitige Konkurrenzkampf in der Schweiz zusätzlich motiviert und anspornt, man aber an internationale Turniere wiederum gemeinsam als Team anreisen kann.
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es ein Zeichen für einen Wandel in der Art und Weise ist, wie Mädchen trainiert werden. Ich denke aber, dass das Mädchentischtennis dadurch deutlich mehr Aufmerksamkeit vom Verband und den Vereinen bekommt und wir möglicherweise gar die Hoffnung haben können, dass Tischtennis künftig ab und zu auch mal in den Sportnachrichten Thema ist, so wie dies z.B vor einigen Monaten mit dem Porträt der Familie Hu im Sportpanorama der Fall war. Ein möglicher Wandel käme aus meiner Sicht eher von der Art und Weise, wie sie trainieren und nicht unbedingt davon, wie sie trainiert werden. Allerdings möchte ich die Leistung und den Einsatz der beteiligten Trainerpersonen in keiner Weise schmälern, denn diese tragen selbstverständlich auch einen sehr grossen Teil zu den aktuell sehr tollen Erfolgen bei.

Was sind deiner Meinung nach die grössten Hindernisse, die dem Frauensport heute noch im Wege stehen?
Schwierig ist sicher, dass es schweizweit gesehen immer noch wenige Vereine sind, die mehr als 2-3 Mädchen haben. Dadurch fehlen in den Vereinen konkrete Strukturen für Mädchen. Oder dass viele Mädchen gar nicht unbedingt Turniere spielen wollen, das aber wiederum eigentlich der Ort wäre, wo sie andere Tischtennismädchen kennenlernen könnten. Wenn man mit Lizenz an Turnieren oder in Lehrgängen unterwegs ist, hat man dort die Chance andere Mädchen kennenzulernen und Freundschaften zu schliessen. Als reine Breitensportlerin, die gerne 1-2 Mal die Woche Tischtennis in einem Verein spielen möchte, ist das eher schwierig. Vielleicht würden einige dieser Breitensportlerinnen mit der Zeit auch intensiver TT spielen wollen, aber viele hören bereits in den ersten Monaten oder 1-2 Jahren wieder auf und kommen dadurch gar nie an diesen Punkt.

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In einem Interview mit dem AVVF im Februar dieses Jahres wurde die Gründung von Projekten wie der Ligue Romandie Dames angesprochen. Gibt es in der Deutschschweiz oder in deiner Region ähnliche Initiativen? Hast du Kontakte oder Partner, mit denen du zusammenarbeitest, um die Präsenz von Frauen in den Clubs zu fördern?
Ich höre immer wieder mal, dass Vereine spezifische Mädchenangebote planen oder neue Trainingskurse nur für Mädchen initiiert werden. Das freut mich sehr und ich denke auch, dass es sehr wichtig ist, dass dies immer wieder von verschiedenen Seiten versucht wird. Manchmal klappt es vielleicht noch nicht auf Anhieb, aber je mehr wir versuchen, desto erfolgreicher wird es am Ende sein.
Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass ich aktuell nicht so viel davon mitbekomme, was beispielsweise bei uns im Verband so läuft und ob es in anderen Vereinen konkrete Umsetzungen gibt. Ich selbst konzentriere mich, seit ich hauptberuflich als Lehrerin arbeite, vor allem auf unseren Verein und führe die Girls-Ping Weekends durch. Zu mehr habe ich aktuell keine Kapazität. Sich in solche Bewegungen oder Projekte einzubringen, kostet oft auch viel Energie und Nerven. Man macht nach 3 Schritten vorwärts gerne auch mal wieder 5 Schritte rückwärts. Ich möchte nicht riskieren, dass ich am Ende komplett die Freude am Fördern des Mädchentischtennis verliere, daher nehme ich mich aktuell etwas zurück. Ich tausche mich aber regelmässig mit Sonja Wicki aus, die meiner Meinung nach sehr viel für das Damentischtennis macht oder hatte vor einiger Zeit mit einem Trainer aus Basel einige Gespräche, da er in der Region Basel ebenfalls eine Mädchengruppe gegründet hat.

Wenn du den Clubs einige konkrete Tipps geben könntest, um mehr Mädchen anzuziehen und vor allem zu binden, welche wären das?
Grundsätzlich habe ich so ein wenig das Gefühl: je mehr Mädchen man hat, desto eher kommen auch noch Neue dazu. Es lohnt sich also vermutlich, wenn man bereits bei 2-3 Mädchen, sofern es die Trainerkapazität zulässt, beginnt, diese zwischendurch von den Jungs zu trennen und mit ihnen ein etwas mädchenspezifischeres Training (wie ich es bei Frage 3 beschrieben habe) zu machen. Auch wenn es zu Beginn vielleicht nicht permanent ist, sondern nur zwischendurch mal, kann das sicher helfen, dass die Mädchen sich zusammen als Gruppe sehen und sie sich sozial gut eingebunden fühlen. Dies ist für viele Mädchen das A und O und sie brauchen dafür auch eine gute Beziehung zu ihren Trainerpersonen. Mädchen wollen eher mal auch noch von der Schule oder ihrer Freizeit erzählen, als Jungs dies im Training wollen. Es lohnt sich von daher, sich auch dafür hin und wieder 5 Minuten Zeit zu nehmen. Ansonsten würde ich einfach empfehlen, nicht aufzugeben, wenn es nicht gleich von Beginn an klappt, sondern dranzubleiben und zwischendurch vielleicht einmal einen Mädchen-Schnuppernachmittag oder etwas Ähnliches zu machen. Wenn dann gleich 2-3 miteinander anfangen, hat man etwas, worauf man aufbauen kann.

Danke Nina!

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