«Ich habe meinen Regenbogen gefunden.»

Michelle Wu ist am letzten Sonntag in Schweden überraschend Europameisterin in der Kategorie U13 Mädchen Einzel geworden und gewann mit dem Schweizer Team Silber sowie Bronze im Mixed. Die 12-jährige Züricherin gewährte dem TTC Uster ein exklusives Interview. Lesen Sie hier, was die frischgebackene Sensationssiegerin über ihren ersten ganz grossen Erfolg denkt:

TTCU: Herzliche Gratulation zum Titelgewinn in Einzel sowie zu Silber im Team und Bronze im Mixed. «Michelle Wu, Europameisterin», wie fühlt sich das einige Tage später an?

M. Wu: Ich bin immer noch sehr glücklich. Allerdings habe ich kaum Zeit, um meinen Titel zu geniessen, da ich den verpassten Stoff in der Schule nacharbeiten muss.

TTCU: Was war der Moment an dieser EM, der Dir am schönsten in Erinnerung geblieben ist?

M. Wu: Der verwertete Matchball im Einzel war das Highlight. Der Siegpunkt gegen Polen im Halbfinale des Team-Wettkampfs war auch ein sehr schöner Moment.

 

TTCU: Du hast drei Medaillen gewonnen. Wie bewertest Du diese Erfolge?

M. Wu: Der Titel im Einzel hat den grössten Stellenwert, dann kommt die Silbermedaille im Team und dann Bronze im Mixed. Dort hatten wir viel Glück mit der Auslosung.

TTCU: Hat sich der Erfolg denn im Vorfeld angedeutet? Hast Du Dich besonders gut in Form gefühlt?

M. Wu: Nein, gar nicht. Ich fühlte mich im Vorbereitungslager noch ziemlich müde und ausgelaugt.

TTCU: Wann hast Du zum ersten Mal gedacht, dass Du tatsächlich Europameisterin werden kannst?

M. Wu: Ich habe im Mannschaftswettkampf sehr gut gespielt und gespürt, dass etwas möglich ist. An die Möglichkeit, Europameisterin im Einzel zu werden, habe ich aber erst geglaubt, nachdem ich im Viertelfinale Lisa Zhao, die Topfavoritin aus Frankreich, 3:2 besiegen konnte.

TTCU: Was ist Dir beim Matchball durch den Kopf gegangen?

M. Wu: Ich habe positive Selbstgespräche geführt und mir gesagt: „Komm, das schaffst Du jetzt.“

TTCU: Dabei hat die EM-Kampagne gar nicht gut angefangen. Ich habe gehört, dass ihr bei der Anreise wegen dem Drohnenangriff auf den Flughafen Kopenhagen lange Zeit gar nicht losfliegen konntet und verspätet angekommen seid. Wie seid ihr damit umgegangen und könnte dies einen Einfluss auf die tolle Leistung gehabt haben?

M. Wu: Ja, es war schon nervig, dass wir so lange in Kloten festsassen und dann in Schweden noch drei Stunden extra mit dem Bus fahren mussten. Andererseits gewannen wir dadurch einen Extra-Ruhetag und konnten beim Kartenspielen etwas für den Teamgeist tun oder am Handy soziale Kontakte pflegen.

TTCU: Was hast Du für Deinen Titel alles erhalten?

M. Wu: Einen Pokal, eine schöne Medaille, einen Kerzenständer (er war so schwer wie beim Krafttraining mit Pedro 😊) und als Extrapreis ein Trainingslager in Südkorea (!)

TTCU: Glaubst Du, dass der Titel Deine Tischtenniskarriere oder gar Dein Leben beeinflussen wird? Wenn ja, in welcher Hinsicht?

M. Wu: Kurzfristig schon. Ich kann bei einigen tollen Fördermassnahmen der ETTU teilnehmen. Morgen fahre ich mit den besten Mädchen und Jungs meines Jahrgangs zu einem gemeinsamen Lehrgang nach Bukarest und im Dezember darf ich sogar nach Korea fliegen. Langfristig glaube ich jedoch nicht, dass sich etwas ändert. Ich als Person und meine Ziele bleiben dieselbe(n).

TTCU: Was sind denn das für Ziele für die kommende Saison?

M. Wu: Ich würde gerne meine erste Medaille an den Schweizer Meisterschaften der Elite gewinnen und mit dem TTC Uster den Ligaerhalt in der NLA schaffen.

TTCU: Uster ist ein gutes Stichwort. Du spielst nun seit über einem Jahr beim TTCU. Inwiefern hat der Verein einen Beitrag zu Deinem Erfolg geleistet?

M. Wu: In Uster gibt es sehr viele coole Leute. Es macht mir immer Spass, mit ihnen gemeinsam zu den Turnieren zu fahren. Bein den Nationalliga-Spielen herrscht immer eine motivierende Stimmung. Ich freue mich darauf, dass in der NLA nun vielleicht noch mehr Zuschauer kommen werden.

TTCU: Genau, bald beginnt die NLA-Saison. Hast Du Angst davor, dass die Tischtennis-Szene Dich nun an diesem Erfolg misst und sehr viel von Dir erwartet? Oder überwiegt der positive Effekt, dass Dir dieser Titelgewinn neues Selbstvertrauen gibt?

M. Wu: Ich habe schon Respekt davor, dass man nun höhere Erwartungen an mich hat. Andererseits freue ich mich, dass ich in der NLA gegen viele stärkere und höher klassierte Gegnerinnen spielen kann. Gegen diese bin ich trotz des EM-Titels die Aussenseiterin und habe keinen Druck.

TTCU: Vor Dir haben es schon Viele versucht, aber Du bist die Erste, die es tatsächlich geschafft hat, einen EM-Titel (abgesehen vom Senioren-Bereich) zu gewinnen. Was glaubst Du, was Du besser als Deine Vorgängerinnen gemacht hast, dass dies ausgerechnet Dir gelungen ist?

M. Wu: Das ist schwierig zu sagen. Ich kenne viele meiner Vorgängerinnen ja gar nicht. Ich glaubte daran, dass der Sieg möglich ist, aber ich war nicht die Favoritin und machte mir keinen Druck. Ich habe einfach von Spiel zu Spiel geschaut.

TTCU: Welchen Rat würdest Du anderen jungen Spieler*innen geben, die Dir gerne nacheifern möchten?

M. Wu: Sehr viel trainieren, alles geben, aber im Wettkampf nicht zu viel wollen; und dann beten, dass die Verpflegung - damit man bis am Ende des Wettkampfes Energie hat - am Turnierort einigermassen essbar ist 😊

TTCU: Du trainierst sehr fleissig. Bleibt da noch genug Zeit für die Schule? Und wie sieht es mit Freizeit und Hobbys aus?

M. Wu: Das ist im Moment tatsächlich ein Problem. Seit dem Wechsel von der Primarschule ans Sportgymnasium habe ich viel Zeit ins Tischtennis investiert und bin mit der Schule im Rückstand, den ich hoffentlich wieder aufholen kann. In der Freizeit male ich gerne oder lese Bücher. Aber dafür habe ich aktuell gar keine Zeit. Morgen fliege ich bereits wieder nach Rumänien ins Trainingslager.

TTCU: Was machst Du, wenn Du mal keine Lust zum Training hast?

M. Wu: Dann denke ich an das Motto einer Leichtathletin, die sich schwer verletzte und sich anschliessend erfolgreich zurückgekämpft hat:

«Nach dem Regen kommt immer die Sonne,

und man kann den Regenbogen nicht sehen, ohne durch den Regen zu gehen.

So habe ich endlich meinen Regenbogen gefunden.»

Das ist in schwierigen Zeiten auch mein Wahlspruch geworden und an der EM habe ich wohl auch meinen eigenen Regenbogen entdeckt.

TTCU: Glaubst Du, dass sich durch die Erfolge an der EM etwas im Schweizer Tischtennis verändert?

M. Wu: Ich hoffe ja, denn nun weiss jede Spielerin, dass es möglich ist, einen internationalen Titel zu gewinnen und dass man auch als Schweizerin Gegnerinnen von grossen Nationen wie Deutschland oder Frankreich besiegen kann. Im Tischtennis ist immer alles möglich.

Der TTCU bedankt sich für dieses interessante Gespräch und wünscht Dir alles Gute für die Zukunft.

Interview von Markus Baumann

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